Sinnig oder unsinnig: Baden und Spannen von Strickstücken

Seit ich das Stricken wieder angefangen habe (das ist jetzt gute drei Jahre her) bekomme ich in den Facebook-Strickgruppen immer wieder zum Teil sehr erhitzte Diskussionen darüber mit, ob man Strickstücke nach dem Stricken Baden bzw. Waschen und Spannen soll. Wenn ja, ist die Frage womit; gerade zum Baden geistert vor allem in Gruppen, wo eher mit teuren Garnen (Yak, Seide, Mohair etc.) gestrickt wird, immer wieder das Produkt 'Eucalan' durch die Gruppe.


Fangen wir mal mit dem Baden an. Ich machte das immer gerne, einfach weil das Strickstück danach frisch riecht. Wir rauchen zwar nicht und haben auch keine Haustiere, aber wenn man so ein Tuch oder ein anderes Strickstück stundenlang in den Händen hat, tut ihm nach Fertigstellung ein bisschen Frische gut. Davon abgesehen wird das Maschenbild ein bisschen gleichmäßiger, was mir auch immer gut gefällt.


Da ich keine Fachfrau bin und noch nie Eucalan benutzt habe, sondern immer schnödes Wollmaschmittel und, je nach Farbintensität des Strickstückes, einen Schuss Essig benutze, habe ich Andrea Krämer, die Besitzerin des 1rechts 1links-Wollfachgeschäftes in Essen, in ihrer Facebook-Gruppe gefragt was es mit Eucalan auf sich hat und ob es wirklich so sinnig ist, wie sehr oft behauptet wird - teuer ist es auf jeden Fall.


Ich gebe hier Auszüge aus unserem 'Gespräch' in ihrer Gruppe wieder; ich habe dazu natürlich Andreas Erlaubnis.


IchLiebe Andrea, ich habe mal eine Frage - und Du bist die Fachfrau. Also: Wie sinnig ist Eucalan? Ich lese immer wieder davon - braucht es das wirklich? Was ist der Nutzen bzw. wann macht es Sinn? Ich packe normalerweise mein Stricksachen in ein lauwarmes Perwollbad, ehe ich sie dann in Form lege oder spanne; das Perwoll spüle ich natürlich leicht aus. Ich wäre Dir so dankbar, wenn Du mich ein bisschen erhellen könntest.
AndreaDas ist relativ einfach. Eucalan nimmt man für Garne die halbwegs naturbelassen und so etwas spickselig sind... Islandwolle, manche Holstgarne, Kauni, Evilla... alles Garne, bei denen weder übermäßig vorgewaschen wird und wo nicht, bzw wenig vorher gekämmt wird. Das heißt, dass Garn wird aus dem Vlies gesponnen (und weil die Fasern in alle Richtungen stehen piekselt es ein bisschen) ausserdem bleiben wegen dem wenigen Waschen die Wollfette erhalten (deswegen sind Pullis aus solchen Garnen auch so warm). Eucalan gibt dem Garn das mit der Zeit verlorene Wollfett zurück und glättet auch die Fasern etwas. Baumwolle Seide Acryle und auch superwashausgerüstete Garne haben kein Wollfett und werden durch Eucalan eher kletschig... Mohair und Angora werden dadurch völlig verklebt, schaden also eher... Auf einen Pulli rechnet man 1-2 Teel Eucalan, einweichen, liegen lassen, rausnehmen und ausdrücken, liegend trocknen. Eucalan wird nicht ausgespült. Andere Strickpullis brauchen eigentlich kaum Waschmittel... wenn sie doch mal schmutzig sind (an den Ärmeln grau oder so) warmes Wasser, einlegen und eigentlich wird der Schmutz schon durch das aufquellen der Fasern ausgespült... also wegen Schmutz braucht man das nicht, es sei denn er is nu wirklich richtig dreckig
IchTausend lieben Dank, das ist eine tolle Erklärung und wunderbar verständlich. Also sollte ich mein Gestrick aus Seide/Mohair/Glitzer/Merinowolle nicht darin baden - und genau für diese Garnkombi wird es so oft empfohlen. Was ist denn dran an den Geschichten, dass Strickstücke so im Eucalan-Bad entspannen, dass sie vor dem Bad 175cm und nach dem Bad 220cm sind?
AndreaNichts. Denn das tun sie mit und ohne Eucalan... ich hab früher ständig Lochmustertücher von Birgit Freyer gestrickt... Wie weit ein Strickteil nachgibt wird nur durch das Material (Wolle dehnt sich, Seide, Baumwolle auch, aber Acryl springt gern in seine ursprüngliche Form zurück) und dadurch, wie eng es gestrickt ist... locker gibt viel mehr nach als fest. Durch leichtes spannen holt man einiges raus. Aber spann mal ein Tuch aus Sockenwolle und geh im Nebel (also feuchter Luft) spazieren... schwubbeldiwupp krabbelt es wieder zurück in seine krumpelige Form ... liegt am 25% Acrylanteil
IchIch will ja jetzt nicht sagen, ich wusste es - aber ich habe es geahnt. Du bist ein Schatz, dass Du mir das so ausführlich erklärst, Dankeschön. Eine (voraussichtlich) letzte Frage habe ich noch: Wenn ich also mein Werks etwas spannen möchte, ist die ganze Baderei also im Grund völlig unnötig - vor dem Spannen anfeuchten reicht, richtig? Es sei denn, es sind eben Garne, für die Eucalan eben gedacht ist.
Andreanicht so ganz... es ist schon was anderes, wenn die fasern komplett im Wasser liegen... sie quellen nach, Verzwirnungen entspannen sich da, wo es mal n bisschen straffer gedreht ist, Maschen werden gleichmäßiger... Ich lege alles (selbst ne Maschenprobe) komplett in Wasser mit einem Tröpchen Seife / Schampoo (wirklich nur n Tröpfchen, denn das nimmt die Oberflächenspannung aus dem Wasser), drück es aus und Tücher werden dann ganz leicht gespannt... ich finde "spannen" ist da auch nicht ganz das richtige Wort, weil man zieht nicht dran. Man zieht es nur gerade so, dass gerade Kanten auch gerade sind. Ziehst Du ein wenig zu viel hast Du sofort so Wellen im Rand. Ich hab auch schon oft gelesen, dass Leute nur anfeuchten, oder andampfen... naja, wenn es denen reicht ist es ok. Mir hat das nicht gereicht (vor allem wegen des Maschenbildes, was im Wasser so schön wird) Letztlich bleibt es Geschmackssache... man muss selbst mit seiner Sache zufrieden sein. Leuchtis zb wasch ich in der WaMa und schmeiß sie sogar in den Trockner... BW/PA halbe halbe, da braucht man nichts spannen...


Liebe Andrea, ich bin Dir wirklich dankbar, dass Du mir so ausführlich geantwortet hast, tausend lieben Dank dafür.


Nach dem Baden muss das Strickstück trocknen. Einen kraus rechts gestricktes Leuchtturmtuch aus Bauwolle/Polyester hänge ich einfach über den Wäscheständer oder nach draußen über den Zaun, mehr braucht es praktischerweise nicht. Sobald aber ein Muster ins Spiel kommt, egal ob Hebemaschen, Rechts-Links- oder Lochmuster, sollte ein Strickstück gespannt werden, um ihm Form zu geben und damit das Muster schöner zur Geltung kommt.


Ich habe hier mal ein ziemlich deutliches Beispiel: Das Cowboys and Angels-Tuch, das ich zuletzt gestrickt habe. Links vor und rechts nach Baden und Spannen:


Vor Baden und Spannen Nach Baden und Spannen


Zum Spannen gibt es verschiedene Möglichkeiten. Natürlich kann man Spannmatten benutzen und spezielle Spannnadeln oder -kämme, das sieht dann so aus. Empfehlenswert ist das, wenn es wirklich auf jede Zacke zum Beispiel am Rand ankommt:



Ich mache das nur sehr selten, weil es mir viel zu unpraktisch und kompliziert ist. Ich bin ein pragmatischer Mensch und nehme den Wäscheständer, ein paar Handtücher und Küchenutensilien zu Hilfe, was dann so aussieht. In aller Regel reicht das völlig:



Natürlich kann man ein Strickstück auch an die Wäscheleine hängen und mit Wäscheklammern etwas beschweren; der Wind (von dem wir hier reichlich haben) sorgt dann für eine natürliche Spannung, sozusagen. Ich mache das allerdings in Ermangelung einer Wäscheleine und eines Gartens, in dem sie sich befinden könnte, nicht.


Eine klare Antwort auf die Frage nach Sinn oder Unsinn von Baden und Spannen gibt es also nicht; es hängt immer vom Strickstück und vom Material ab. Und natürlich vom persönlichen Geschmack - und das ist fast das wichtigste Entscheidungskriterium.

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