Gerade erst auf den Nadeln und schon abgebrochen: Raingelt

Vor ein paar Tagen erst habe ich Euch hier von der Suche nach der passenden Wolle für das Raingelt von Rastus Hsu erzählt - und jetzt habe ich das Tuch schon abgebrochen. Der Grund dafür mag Euch vielleicht seltsam vorkommen, für mich ist es aber der wichtigste Grund überhaupt.

Mein Bartträger und ich sind den ganzen Tag zusammen und wir lieben es. Wir haben in unserem Mini-Wohnzimmer einen riesengroßen Schreibtisch, der eigentlich ein Esstisch ist (260 x 100cm); ich habe meinen Platz links und mein Bartträger seinen rechts. Meine Hälfte ist mein Strickparadies, seine Hälfte eine Zweigstelle seiner Werkstatt und der Standort seiner xBox. Hier stehen unsere Tablets (Computer oder Laptops haben wir nicht mehr) und es ist tatsächlich unser Lieblingsort. Wir machen zwar beide völlig unterschiedliche Dinge, aber wir sind immer nah beieinander und können so ständig miteinander reden, was wir auch ausgesprochen ausgiebig tun. Natürlich ist es auch mal ruhig, weil einer von uns etwas Kniffeliges macht, aber nie sehr lange. Bis zu dem Abend, an dem ich an meinem Raingelt gestrickt habe.

Das Tuch ist wunderschön und fasziniert mich sehr. Ich hatte die richtige Wolle gefunden und das Stricken machte Spaß, aber es ist ein Muster, das volle Konzentration erfordert. Und zwar ständig. Bei den meisten Mustern ist es ja so, dass man sie nach einer Weile ‚drin‘ hat und keine Anleitung mehr braucht oder nur hin und wieder mal rein gucken muss. Auch ständig zählen ist meistens nicht nötig. Beim Raingelt ist das anders. Die beiden Mustersätze wiederholen sich zwar in der Höhe, aber jeder ist 21 Reihen hoch und innerhalb der Mustersätze ist jede Reihe anders. Selbst die Rückreihen, die man ja sonst oft nur abstricken muss, müssen nach Anleitung gestrickt und gezählt werden - ein Stricken ohne Atempause, sozusagen.

Das hatte zur Folge, dass ich so vertieft war, dass ich nicht parallel, wie sonst immer, mit meinem Barträger reden und lachen konnte, und das über Stunden. Und das geht einfach gar nicht. Klar, ich hätte mir ein anderes Strickstück nehmen können, aber das hätte ja das Problem nicht gelöst. Nach ein paar ungewohnt stillen Stunden habe ich gemerkt, das mir etwas fehlt und ich gar nicht zufrieden bin - und mein Bartträger auch nicht. Ich habe dann noch eine Nacht drüber geschlafen und am nächsten Morgen das Projekt Raingelt beendet und aufgeribbelt, so schade es auch ist. Unser Leben ist einfach wichtiger als jedes Strickstück.

Zum Glück habe ich einen reichhaltigen Fundus an Anleitungen und habe mir eine rausgesucht, die auch ein etwas geometrisches Muster hat, aber viel unkomplizierter zu stricken ist. Die eigentlich für das Raingelt vorgesehene Wolle passt auch perfekt dazu. Davon erzähle ich Euch dann in ein paar Tagen.

Kommentare 1

Hallo Ursula,

du hast eine gute und richtige Entscheidung getroffen. Unterhaltungen mit dem Partner sind das Wichtigste überhaupt. Aus diesem Grund stricke ich nur einfache Tücher, da mein Mann vor 4 Jahren einen schweren Schlaganfall hatte , seitdem extreme Wortfindungsprobleme hat und ich mich bei jedem seiner Sätze voll konzentrieren muss. Aber er redet so gerne und von daher stricke ich einfache bunte Tücher.

Ich bin mir sicher, du wirst eine tolle nächste Anleitung finden und ihr werdet wieder viel reden und lachen können.

Liebe Grüße und passt gut auf euch auf.

Heike

Fragen, die nichts mit diesem Beitrag zu tun haben, und allgemeine wollige Anliegen könnt Ihr hier los werden.